Programmkonzept
Grundannahmen
Im Kulturprogramm „Zeiten – Räume – Menschen“ wird Kultur als Praxis aktiver Teilhabe am gesellschaftlichen Leben verstanden, die individuelle, gemeinschaftliche und gesellschaftliche Resilienz stärkt. Ihre Bedeutung und Aktualität zeigen sich in einer Zeit, in der grundlegende europäische Werte wie Freiheit und Menschenwürde auf vielfältige Weise auf die Probe gestellt werden und der soziale Zusammenhalt durch Desinformation und Falschmeldungen (Fake News) bedroht ist. Vor diesem Hintergrund zielt das Kulturprogramm darauf ab, die Zusammenarbeit zwischen litauischen und deutschen Institutionen sowie Kulturschaffenden zu fördern.
Themenschwerpunkte
Das Kulturprogramm lädt die Teilnehmenden dazu ein, sich im Horizont der folgenden Fragen auf kreative Weise zu begegnen:
Was verbindet uns?
Was trennt uns?
Wie unterscheiden wir uns?
Wie gehen wir jeweils mit dem Anderen und dem Unvertrauten um?
Welchen Gewinn ziehen unsere Gesellschaften aus der Vielfalt der Unterschiede?
Was können wir voneinander lernen?
Wir laden Kulturinstitutionen und Kulturschaffende aus allen Bereichen dazu ein, sich diesen Fragen im Wechselspiel zwischen der zeitlichen, räumlichen und menschlichen Dimension zu widmen.
Diese drei Dimensionen bilden ein Dreieck der Bezüge, in dem sich die geförderten Projekte künstlerisch verorten können.
Besonders willkommen sind Projekte, die direkten Bezug zum Alltag in Litauen und in Deutschland nehmen und die ein Verhältnis zwischen zwei oder allen drei genannten Dimensionen herstellen. Das Programm will die kleinen Geschichten und Erzählungen in den Vordergrund rücken und sie damit in einen größeren Bedeutungskontext stellen (Stichwort: Mikrogeschichte).
Zeiten
Das Programm wird in einem für die Partnerschaft zwischen Litauen und Deutschland entscheidenden historischen Moment entwickelt, in dem sich die Zivilgesellschaft beider Länder auf der Grundlage gemeinsamer europäischer Werte behaupten muss. Vor diesem Hintergrund lädt es dazu ein, in die Vergangenheit und in die Zukunft zu blicken. Auf diese Weise können Deutschland und Litauen ein klareres Bild unserer gemeinsamen europäischen Gegenwart und Zukunft gewinnen und zugleich untersuchen, worin sich unsere historischen Erfahrungen unterscheiden:
Wie kommen wir mit unserer historischen Herkunft zurecht?
Wie hat sich unser Alltag im Laufe der Zeit verändert?
Welche Rituale pflegen wir?
Wie schützen wir unser persönliches und kollektives Gedächtnis vor dem Vergessen?
Wovon träumt jede und jeder von uns, und was erhoffen wir uns von einer gemeinsamen Zukunft?
Eine kreative Auseinandersetzung mit diesen Themen kann sichtbar machen, wie gegenseitige Unterstützung zwischen den beiden Ländern aussehen könnte. So entsteht über unterschiedliche Zeitachsen hinweg ein Gefühl der Gleichzeitigkeit, geprägt durch die Vielfalt historischer Perspektiven und zugleich durch Dialog.
Räume
In den heutigen Räumen begreifen wir Nähe und Ferne als relative Größen. Die Abstände zwischen Stadt und Land oder zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten sind oft schwerer zu überwinden als geografische Distanzen. Dort, wo gemeinschaftliche Verantwortung übernommen und die Umgebung gestaltet wird, verwandeln sich Räume von bedeutungsleeren Speicherorten in Orte der Begegnung und sozialen Interaktion, die Grenzen und Trennlinien überwinden.
Das Programm möchte einen neuen Blick auf Räume fördern, indem es zur kreativen Auseinandersetzung mit folgenden Fragen einlädt:
Wie organisieren wir öffentliche und private Räume?
Wie gehen wir mit unserer natürlichen und vom Menschen geschaffenen Umwelt um?
Wo haben sich Räume von natürlichen Kreisläufen entkoppelt, und wo befinden sie sich im Einklang mit der Natur?
Wie übernehmen Menschen Verantwortung (Fürsorge) für gemeinsame Räume und Ressourcen?
Welche Bedeutung haben Transiträume in Zeiten zunehmender Migration und beschleunigter Mobilität?
Welche kulturelle Bedeutung gewinnen technologische und virtuelle Räume?
Menschen
Das Programm richtet sich an Menschen und Gemeinschaften in Deutschland und Litauen. Es wendet sich daher an das gesamte Spektrum der Gesellschaften beider Länder und überschreitet dabei Grenzen von Staatsangehörigkeit, ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit, Alter, Geschlecht, Familienstand oder Bildungsstand. Es zielt darauf ab, die Vielfalt von Biografien, Schicksalen und Lebensentwürfen zu erfassen.
Wie unterstützen Menschen einander?
Welche Beziehungsmodelle werden gepflegt?
In welchem Verhältnis stehen die heutigen Generationen zu ihren Vorfahren?
Wo zeigen unsere Gesellschaften Empathie gegenüber Menschen und Gruppen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden?
Wie humanisieren wir im Zeitalter des Transhumanismus unsere Beziehungen zu anderen Menschen?
Wie ergänzen sich Mensch und künstliche Intelligenz, und wo konkurrieren sie miteinander?
Das Programm zielt darauf ab, vulnerable Personen und Gruppen zu stärken (Stichwort: Empowerment). Es positioniert sich ausdrücklich als Plattform für diejenigen, die vom etablierten Kulturbetrieb nur schwer erreicht werden und in der Regel unterrepräsentiert bleiben. Das Kulturprogramm soll Formen der Teilhabe und des Engagements im öffentlichen Leben ermöglichen, die den Austausch von Ideen über politische und soziale Unterschiede hinweg fördern. Auf diese Weise trägt es zur Stärkung der Zivilgesellschaften Litauens und Deutschlands bei. Aus diesem Austausch erwachsen individuelle und gesellschaftliche Resilienz.
Bereiche und Formate
Bereiche: Bildende Kunst, darstellende Künste, Musik, Literatur, Philosophie, Verlagswesen, Architektur, Design, Mode, digitale Medien, Kulturerbe, Erinnerungskultur und Gemeinschaftskunst.
Formate: Vorrang erhalten Formate, die den Austausch fördern und mit dem Ziel initiiert werden, langfristige Beziehungen und Partnerschaften aufzubauen.